Seminar im Fach Theorie des Entwerfens (TDE) — Institut für Gebäudelehre und Entwerfen von Hochbauten, Prof. Roland Ostertag, Betreuung: Dipl.-Ing. Wiss. Mitarb. Peter Teicher
Wir untersuchen die Wege, die ein anderer beim Schaffen seines Werkes ging, um durch die Bekanntschaft mit den Wegen selber in Gang zu kommen. (Paul Klee)
- Luis Barragán, Haus Tacubaya
- Le Corbusier, Villa La Roche Jeanneret
- Le Corbusier, Villa Stein de Monzie
- Le Corbusier, Villa Shodan
- Adolf Loos, Haus Moller
- Adolf Loos, Haus Tzara
- Mies van der Rohe, Haus Tugendhat
- Giuseppe Terragni, Haus am See
- Frank Lloyd Wright, Pope Leighey House
Im Rahmen des Seminars wurden Gebäude im Hinblick auf Elemente einer möglichen Architekturgrammatik analysiert und exemplarisch an Grund- und Aufrissen und mit Arbeitsmodellstudien auf bisher vernachlässigte Eigenschaften untersucht. Es sollte eine Verbindung zum Prozess des Entwerfens hergestellt werden, wo ebenfalls mit Skizzen und Arbeitsmodellen eine Idee erarbeitet und auf ihre Konzeptionsfähigkeit hin analysiert wird.
Elemente einer möglichen Architekturgrammatik sind Ordnungsprinzipien in der Architektur, räumliche Erschließungs- und Organisationsmodelle im Grund- und Aufriss. Das Gebäude kann auf verschiedene Aspekte hin hinterfragt werden: Raum, Körper, Wand, Struktur, Material, Licht, Erschließung, das Widersprüchliche. Die Grammatik kann man mit der Sprache vergleichen; man muss das Alphabet kennen und verstehen, bevor man Worte bilden und das Vokabular entwickeln kann; man muss die Regeln der Grammatik und der Syntax kennen, wenn man Romane und Novellen schreiben will. Deshalb sollten wir als Architekten auch wissen, wie die grundlegenden Elemente architektonischer Formen und Räume entwickelt werden können.
Es wurde in Gruppen zu je 2 Studenten gearbeitet. Die Gruppenarbeit soll verstärkt die Diskussion fördern. Die Objekte wurden bewusst so ausgewählt, damit am Ende des Seminars eine Vergleichbarkeit möglich ist.
Hauptziel des Seminars war es, objektive Bewertungskriterien für Architektur aufzuzeigen, und meiner Meinung nach gibt es diese Kriterien. Diese Erkenntnis widerspricht der allgemeinen Auffassung, dass Schönheit und Wert von Architektur subjektive Phänomene sind, völlig abhängig vom jeweiligen Geschmack des Betrachters. Wenn wir aber Einigkeit über den Grad an Geordnetheit erzielen können, also darüber, ob Architektur mehr oder weniger Wert hat, dann ist das eindeutig ein objektives Phänomen. Um aber diese Einigkeit zu erzielen, müssen wir uns ein Basiswissen aneignen, das 1x1 der Architektur, um eine gewisse Beliebigkeit zu reduzieren. Wir müssen eine Architekturgrammatik, eine Architekturvokabular entwickeln, das allgemeingültig, objektiv und übertragbar ist; und dieses Wissen, diese Bindung ist eine Basis, eine Voraussetzung für neue Freiheiten, für das innovative Moment.
Mir scheint, dass es in der Ausbildung in Braunschweig hier ein deutliches Defizit gibt. In der Bewertung und Betrachtung von Architektur bleibt vieles oberflächlich, ist abhängig von den aktuellen Tendenzen und Moden, die fragmentarisch übertragen werden. Das wäre ganz normal, entscheidend ist nur was und wie ich es übernehme.
Einen weiteren Aspekt und Kritikpunkt in der Ausbildung hier in Braunschweig sehe ich in der starken Auseinandersetzung mit dem Ort dem genius loci. Das Denken in städtebaulichen Volumen rückt in der Analyse zu stark in den Vordergrund und aus städtebaulichen Gründen findet sich dann immer eine einfache Massenstudie (Riegel oder Kubus), die dann zu allem Überfluss und ohne Ordnungsprinzipien abgefüllt werden. Die Kritik liegt auf abgefüllt. Kontext kann auch etwas anderes bedeuten. Dazu später mehr. Oder wir sind mit entwürfen konfrontiert, die nach dem neuesten Schrei oder Eindruck aus einer Fachzeitschrift entwickelt sind, uns auch begeistern, die aber nicht immer verstanden sind, wo der Bearbeiter spätestens, wenn ihn der Alltag, die Realität im Büro einholt, wenn die Mode abgeklungen ist, selbst die einfachsten Zusammenhänge nicht mehr herstellen kann, zumindest das nicht anwenden kann, und dann fehlt wieder das Basiswissen.
Aus meiner Sicht lässt sich architektonische Form letztlich aus zwei wesentlichen Quellen ableiten: zum einen aus der Reaktion auf den Kontext, in dem sie entsteht, und zum anderen aus der Anwendung einer eigenen autonomen Architektursprache. Und die Grammatik dieser Sprache besteht aus architektonischen Archetypen, also Vorstellungsmodellen, Bautypen, Architekturelementen, aus den verschiedenen Stilrichtungen, usw. Diese beiden Faktoren, der Kontext und die Grammatik sind auch die einzigen beiden ureigenen, der Architektur immanenten quellen der Form: Das Besondere und das allgemein Verbindliche. Ich beziehe mich hier auch Thomas Valena, der für eine kontextuelle Architektur spricht. Alle anderen Faktoren, sofern sie sich nicht auf den Kontext und die Grammatik beziehen sind Fremdeinflüsse. Nehmen diese Überhand, oder Kontext und Grammatik werden überhaupt nicht berücksichtigt, verliert die Architektur ihre Autonomie, die in der Rede und Antwort begründet ist. Sie hört auf zu kommunizieren und läuft im extremen Fall Gefahr zum willkürlich manipulierten Objekt zu werden. In diesem dialektischen Entwicklungsprozess tendiert die Grammatik zum Optimalen, Idealen, zum Allgemeingültigen. Sie ist diejenige Hälfte der Architektur, die Ordnung ermöglicht und Struktur entstehen lässt. Sie ist immer und überall verfügbar, denn als Idee ist sie mobil und frei übertragbar, und deshalb in verschiedenen Situationen verwendbar. Mit diesen Eigenschaften des Allgemeinen ist es doch auch jenes Prinzip in der Architektur, welches die tragende Struktur (Textur) erzeugt, und damit auch Felder für individuelle Figuren schafft.
Architektur besteht aus Architekturelementen: Raum — Gliederung, Zusammenhänge, Hierarchie. Konstruktion — Ausbildung und Erscheinung des Raums. Umschließung — Form, Maßstab, Proportion, Oberfläche, Umrisse, Kanten, Öffnungen, Licht, Ausblick, visueller Schwerpunkt und Akustik.
Architektur ist erfahrbar durch Bewegung in Zeit und Raum, Annäherung an das Gebäude und Eintritt, Wegeführung und Zugänge, Folge der Räume.
Architektur wird ausgeführt mit den Mitteln der Technologie (ist vernachlässigbar). Architektur entsteht entsprechend den Forderungen des Raumprogramms und der Funktion. Die Funktion ist ein Teil der räumlichen Struktur, und die Prinzipien der Geordnetheit gelten im Bereich der Funktion ebenso wie im Bereich der Geometrie. Architektur entsteht in Übereinstimmung mit dem Kontext.
Architektur besteht aus Ordnung: Physische Ordnung — Form und Raum, Körper und Hohlraum, Innen und Außen, Aufbau und Organisation von Raum, Konstruktion und Umschließung. Optische Ordnung — Wahrnehmen und Erleben der materiellen Elemente, Schreiten durch die Raumordnungen, Funktion der Räume, Qualität des Lichts, der Farbe, der Textur. Ideelle Ordnung — Verstehen der geordneten und ungeordneten Zusammenhänge zwischen den Elementen und Systemen eines Gebäudes mit den Bedeutungen, die sie zu erkennen geben: Ideen, Modelle, Zeichen, Symbole.
Wenn die Grammatik das Allgemeine bedeutet, dann bedeutet der Kontext das Individuelle, das Besondere, das Einmalige. Oder anders gesagt: wenn die Grammatik allgemein verständliche Strukturen erzeugt, dann stört und verändert sie der Kontext. Dass Kontext nicht nur „ein in Massen denken“ bedeutet zeigen folgende Begriffe oder folgendes Vokabular. Je nach Komplexität kann kontextuelle Architektur auf verschiedene Weise gesehen werden: Spolienarchitektur — erhalten und Wiederverwenden von Bauteilen. Weiterstricken — Ergänzen innerhalb vorgegebener Strukturen und Vorgaben. Replika — Wiederholung, Doppelung, Spiegelung. Tuch am Körper — Umhüllen, Verpacken, Nachzeichnen vorhandener Konturen. Kontrast — sichtbarmachen einer latenten Gestalt im Kontext durch Isolation oder komplementären Gegensatz. Thematisieren — vorhandene Wesenszüge, z.B. in Bezug auf Material, Maßstab, Ordnung, Geometrie, lokale Atmosphäre thematisch verarbeiten. Umdeuten — Erheben des Zufälligen, des Sekundären zum neuen Leitgedanken. Verweben — Verklammern mit dem Bestand durch Sichtbezüge, Achsen und Bedeutungszusammenhänge.
Das alles sagt aber noch nichts über die Qualität der Architektur aus, ist also kein Gütezertifikat, aber es ist ein Vokabular, mit dem man eine gewisse Objektivität in der Auseinandersetzung und Bewertung erreichen kann, und um Objektivität geht es uns ja. Ein Architekt, der sich mit der objektiven Bewertbarkeit von Architektur beschäftigt hat, ist Christopher Alexander. Die Behauptung, dass der Wert von Architektur, bzw. die Schönheit eines Gebäudes, eines Kunstwerkes und auch jedes anderen Gegenstandes objektiv beurteilbar ist, ist die grundlegende Annahme für Christopher Alexanders Theorie: wenn Alexander von „order“ (dem englischen Wort order) spricht, dann würde ich es mit Geordnetheit übersetzen. Obwohl die Begriffe Ordnung, Struktur, Anordnung, Harmonie auch alle irgendwie etwas damit zu tun haben.
Ähnlich wie bei Christopher Alexanders Theorie bestand die Absicht des Seminars darin, ein gutes Verständnis dafür zu entwickeln, was Geordnetheit ausmacht, und anhand der Beispiele, die ich ausgewählt habe, unsere Erfahrungen einzubringen. Christopher Alexanders Theorie beschäftigt sich mit der Tatsache, dass Geordnetheit durch eine recht geringe Anzahl von geometrischen Eigenschaften entsteht. Dies können sehr genau beschrieben werden. Wir finden sie überall in der Natur, auch bei den von Menschenhand gefertigten Objekten, z.B. die Form des Schmetterlings und des Schneekristalls haben den Kreis eingeschrieben. Die Natur gab ihnen ganz ähnliche Proportionen. Beim Betrachten von so unterschiedlichen Dingen wie Pflanzen, alten Gebetsteppichen, Gemälden und Gebäuden lassen sich diese geometrischen Eigenschaften immer wieder entdecken. Dazu gehören u.a. Abstufungen in der Maßstäblichkeit, Umrandungen, abwechselnde Wiederholungen, Echos, örtliche Symmetrie, Vibrationen, Störungen, Mutationen, die dann wieder zur Regel werden. In der Natur kommt der goldene Schnitt sehr häufig vor, bei vielen Muscheln, Blättern, Schmetterlingen oder Kristallen. Vermutlich ist unser Formgefühl auch dadurch beeinflusst.
In sogenannten Hausübungen mussten die Studenten Gegenstände, Pflanzen und Ornamente zeichnen, um so deren spezifische Geordnetheit zu erkennen, um dann auf die allgemeine Geordnetheit aller Dinge zu schließen.
Es ist offensichtlich, dass Geordnetheit einerseits etwas mit Geometrie zu tun hat, einer Geometrie allerdings, die wesentlich komplexer ist als die Begriffe Symmetrie, Hierarchie, Addition. Aber zuerst muss man über die Begriffe Bescheid wissen. Andererseits hat es aber auch mit etwas zu tun, was viel schwieriger fassbar ist, nämlich mit Schönheit, Gefühl und sogar Spiritualität, alles Qualitäten, die unserer zeitgenössischen Architektur fehlen.
Wenn wir nun davon ausgehen, dass Schönheit sich durch einen besonders hohen Grad an Geordnetheit auszeichnet, dann haben wir ein Mittel gefunden, das es uns erlaubt eine Beurteilung über den Grad an Geordnetheit und Schönheit eines Gegenstandes anzustellen und damit auch eine Aussage über seinen Wert bzw. seine Qualität machen zu können. Diese Erkenntnis widerspricht der allgemeinen Auffassung, dass Schönheit und Wert subjektive Phänomene sind, völlig abhängig vom jeweiligen Geschmack des Betrachters. Wenn wir jedoch Einigkeit über den Grad an Geordnetheit erzielen können, dann ist das eindeutig ein objektives Phänomen.
In diesem Seminar ging es also in erster Linie darum, einen Überblick über die Grundelemente, Systeme, Ordnungen, über die materiellen, begreifbaren, erfahrbaren Komponenten der Architektur zu geben. Die Bedeutung liegt aber in der Wechselwirkung der Elemente und Systeme, deren gegenseitige Verknüpfung und Verstärkung schließlich zu einem geschlossenen Ganzen führen und deren sichtbare Beziehungen untereinander und zum Ganzen machen wieder die Ordnung in der Architektur aus. Diese Beziehungen schaffen die Grundlage eines wesentlichen und unverwechselbaren Werkes, dessen Ordnung vielleicht dauerhafter ist als die Eingebung der Phantasie.